Das blaue Buch oder … Lebensgeschichten-Recycling

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„Was hat es eigentlich mit diesem blauen Buch auf sich? Das mit den goldenen, orientalisch wirkenden Ornamenten und dem Verschluss aus Metall. Das, was entweder da auf deinem Schreibtisch liegt oder  das du ständig in deiner Tasche mit dir rumträgst?“  Das fragte mich kürzlich eine neugierige, aber gute Freundin und nahm das Buch in die Hand, ohne es zu öffnen.

„Tja, das mit dem blauen Buch, das ist eine ganz persönliche Geschichte, die letztendlich etwas mit der Entscheidung zu tun hat, Gedichte für fremde Menschen zu schreiben. Das hat  etwas mit der Hochzeitspoetin zu tun, die ich nun geworden bin.“

Ratloses Schulterzucken. Ich muss wohl ein bisschen ausholen.

„Also: Eine typische Situation im Alltag: Ich stehe im Supermarkt in einer Schlange an der Kasse. Vor mir ein älterer Herr, um die sechzig. Wir kommen irgendwie ins Gespräch ( „… das lange Warten ist nichts mehr für die müden Beine“ und … „wie immer, die falsche Kasse gewählt“ … ha ha). Als ich zehn Minuten später bezahlte, hatte ich die Fotos seiner neugeborenen, von Koliken geplagten Enkelin auf seinem Handy gesehen, wusste von seiner Arthrose im linken Knie und dass er seinen letzten Urlaub auf Amrum verbracht hat. Auch dazu gab es ein paar nette Fotos. Schön, denke ich, das Warten war ja wenigstens nicht langweilig. So etwas passiert mir häufig, dass mir Leute einfach so ihre Geschichte erzählen. Und das ist leider nicht immer so angenehm und kurzweilig, wie bei dem älteren Herrn an der Kasse. Ob im Wartezimmer beim Arzt, an der Bushaltestelle, beim Postamt, im Café oder im Vorgarten, wildfremde Menschen, denen ich zufällig begegne, erzählen mir offen ihre Geschichten, die von den schweren Schicksalsschlägen, von Hoffnungen und Ängsten, von guten und schlechten Erfahrungen handeln. Es freut mich einerseits, dieses Vertrauen, aber es gab auch Zeiten, das habe ich diese vielen Geschichten als belastend empfunden.

Aber,wie sooft im Leben verändern sich die Dinge dadurch, dass man selber seine Haltung zu ihnen ändert. Die Dinge eben aus einem anderen Blickwinkel sieht.

Das tat ich, indem ich die Geschichten nicht mehr als Belastung empfand, sondern als Geschenk entgegennahm und mich innerlich dafür bedankte. Ich kaufte mir  das kostbar wirkende blaue Notizbuch in einer Buchhandlung und nahm mir die Zeit, all die Geschichten aufzuschreiben. Was kann denn einer Autorin besseres passieren, als wenn sie die echten Geschichten, die das Leben schreibt, geschenkt bekommt und etwas daraus machen kann? Lebensgeschichten-Recycling. Aus allen verbrauchten Dingen, aus „uninteressanten“ Erinnerungen, die keiner mehr hören will,  kann ich noch etwas machen.  Auch, wenn ich sie vielleicht als belastend und anstrengend empfinde.

Inzwischen habe ich in dem blauen Buch schon so viele kleine Geschichten, Anekdoten und Erfahrungen gesammelt von so verschiedenen Menschen, die ich eigentlich gar nicht kenne, sondern die mir auf der Straße begegnen und … ja, denen ich das Gefühl zu vermitteln scheine, dass man sich mir öffnen kann und dass die eigenen, vielleicht nicht ganz so guten Erfahrungen bei mir gut aufgehoben sind.  Eigentlich schön, oder?“

„Und was hat das mit der Hochzeitspoetin zu tun?“, fragt meine neugierige (aber gute!) Freundin ungeduldig und wedelt mit dem blauen Buch vor meiner Nase herum.

„Die Fähigkeit anderen auf eine Weise zuzuhören, dass sie ehrlich zu ihren Gefühlen und zu sich stehen können, ist etwas, das sehr hilft, individuell Gedichte für Menschen zu schreiben, die ich noch nicht kenne. Ich scheine bei Menschen Vertrauen auszulösen. Und das ist die Vorraussetzung, wenn man für andere Gedichte zu einem für sie persönlich wichtigen Ansatz schreiben möchte. Ihnen fehlen, wenn etwas in eine poetische Sprache gefasst werden soll, die richtigen Worte. Die findet aber dann die Hochzeitspoetin und das kann sie und das tut sie sehr gerne.

Und all diese kleinen und großen, traurigen oder fröhlichen  Erlebnisse, die das Leben zu bieten hat, sind  in dem geheimnisvollen blauen Buch mit den goldenen Ornamenten (und in meinem Herzen) gut aufgehoben.“

Das blaue Buch mit den goldenen Ornamenten legte meine Freundin (mit ein bisschen mehr Ehrfurcht als zuvor) wieder auf den Tisch zurück.

Ohne es göffnet zu haben.

Marion Lohoff-Börger, 4. Oktober 2016

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